„Lebenskunst 50+" 2. Teil - LOSLASSEN

Kothgasser, Sedmark, 9 Einladungen loszulassen,
Loslassen in der 2. Lebenshälfte, Kerstin Frei, Kothgasser, Sedmark

„Lebenskunst 50+“ Teil 2

LOSLASSEN

Radio Maria 30.07.15   Lebenshilfe

Als Podcast hier zum Nachhören.

Liebe Hörerfamilie - Ich darf Sie in dieser schönen Sommerszeit recht herzlich begrüßen zu unserer 2. Sendung zum Thema LEBENSKUNST 50+.

Dieses Mal befassen wir uns mit dem Thema LOSLASSEN.

Loslassen - wovon? 

Wir lernen im Älterwerden jeden Tag neu loszulassen. Wir werden weniger und weniger gelenkig; wir verlieren unser Gedächtnis immer mehr; wir verbüssen unsere Körper-, Seh- und Hörkraft … und dennoch ist unser Leben Tag für Tag Zugewinn - wir lernen immer aufs Neue, uns anzupassen. 

Um all dies machen wir uns heute gemeinsam Gedanken. 

 

Zu mir ganz kurz für diejenigen, die letztes Mal bei meiner Sendung im März noch nicht mit dabei waren. 

 

Ich befasse mich mit Themen des Älterwerdens und bin dazu ausgebildete Trainerin und Beraterin. 

Einige Stationen auf meinem beruflichen und persönlichen Weg darf ich vorneweg vorstellen:

Ich gab z.B. kürzlich einen Spezialkurs für die Erzdiözese Wien zu „Spiritualität 50+“.

Früher arbeitete ich als Moderatorin und Redakteurin bei RMS in Bx und begleitete die Sendereihe GLAUBENSFORUM. Ich grüße daher ganz freudig die Hörerinnen und Hörer aus Südtirol. Vor 2 Wochen wurde das Radio ja volljährig - 18 Jahre! Herzlichen Glückwunsch!

Nach Radio Maria wurde ich Referentin für Lebenskunst, Interkulturelles und Literatur an der Katholischen Akademie in Frankfurt a.M.. In dieser Zeit absolvierte ich den Fernkurs in Theologie (Würzburger Kurs).

Zu mir persönlich: Ich lebe derzeit im Burgenland. 

Ich bin evangelisch getauft und während des Studiums in Berlin zur Katholischen Kirche konvertiert. In der Gemeinde, in der ich auf die Erstkommunion und Firmung vorbereitet wurde, ist eine Pallottinische Gemeinschaft tätig. Dort wurde dann auch eine sog. Unio Gruppe gegründet, in die ich eingetreten bin. 

Was ist die Unio? Eigentlich heißt diese Geistliche Gemeinschaft: Vereinigung des Katholischen Apostolats und wurde von Vinzenz Pallotti in Rom des 19. Jhrdts. gegründet. 

Und zu meinem ALTER: ich bin 48 Jahre - also noch nicht 50+ - aber ich habe gelernt, dass ich mich nicht früh genug vorbereiten kann, mich mit Fragen zu beschäftigen, die um das Älterwerden kreisen. So kommt es, dass ich mich besonders für ältere Menschen interessiere und von ihnen lerne. Das sehe ich auch heute so liebe Hörer und Hörerinnen … ich lerne von Ihnen! Ich rege mit meinen Fragen vielleicht an, aber die Antworten wissen Sie! 

 

Nun zum Titel LebensKunst 50+

 

Was meint Lebenskunst hier in aller Kürze?

(in der ersten Sendung sind wir darauf ausführlich eingegangen)

Die Lebenskunst baut auf Lebenserfahrungen auf ….

 - fachliches Wissen wird immer am Leben erprobt. 

Fachwissen ist auf das Leben hin bezogen. Reines Faktenwissen nützt uns in der konkreten Lebensbewältigung recht wenig. 

…. und hier in der Sendung beschäftigen wir uns mit IHREN Erfahrungen, mit IHREM praktischen Wissen….

Auch in meiner Arbeit als Beraterin und Trainerin für Menschen ab der Lebensmitte stütze ich mich auf meinen christlichen Glauben. Mein Zugang basiert daher auf dem Verständnis von Christlicher Lebenskunst. Und so gehe ich auch die Themen und Fragen an, die die Menschen - vielleicht auch Sie - bewegen: es ist ein sehr großes Feld, das sich rund um die Frage entwickelt: Wie kann dieses Leben im Älterwerden gelingen?

Ich wähle für die Sendereihe LebensHILFE auch erstmal gar keinen philosophischen Aspekt aus. Denn eigentlich kommt der Begriff LebensKunst ja aus der Antiken Griechischen Philosophie.

Uns interessiert hier der Aspekt der LebensBewältigung; der Kunst, unser Leben zu gestalten im ALTER.

 

Das Thema unserer Sendung heute also DAS LOSLASSEN!

 

Gerade jetzt im Sommer freuen sich die Familien, dass sie loslassen dürfen. Es ist Ferienzeit. Die Eltern müssen ihre Kinder nicht mehr morgens aus dem Bett jagen, in aller Eile das Frühstück herrichten und die Kinder in die Schule hetzen. Die Kinder haben keine Schule und keine Hausaufgaben oder anderweitige Verpflichtungen. 

Auch die Eltern haben im Sommer häufig mehr Zeit für sich und die Kinder. 

Manche Großeltern dürfen sich auf mehr Besuche durch die Enkel freuen. 

Alles in allem ist die Urlaubszeit ja meistens die schönste Zeit im Jahr für alle, denn man kann Verpflichtungen, Pläne, Termine etc. loslassen. Einfach den Alltag mal vergessen!

Loslassen im Leben ist allerdings nicht immer leicht und angenehm. 

In der 2. Lebenshälfte lernen wir, viel loszulassen - ohne dass es so richtig wahrgenommen oder thematisiert und schon gar nicht anerkannt wird.

Loslassen hat was mit Abschied zu tun. Wir dürfen uns von Gewohnheiten, Dingen etc. verabschieden und Neues begrüßen. Das DÜRFEN ist oftmals ein MÜSSEN und damit zeigt es schon deutlich, dass loslassen auch sehr schwerfallen kann: also WIR MÜSSEN uns von Gewohnheiten oder Dingen verabschieden und müssen uns an NEUES gewöhnen oder müssen uns mühsam UNGEWOHNTES angewöhnen.

Dr. Alois Kothgasser, der emeritierte Erzbischof von Salzburg, und der Sozialethiker DDDr. Clemens Sedmark, haben in ihrem 2012 erschienenen Buch   „JEDEM ABSCHIED WOHNT EIN ZAUBER INNE. Von der Kunst des Loslassens“ diese Zweideutigkeit sehr gut auf den Punkt gebracht. 

Erstens gefällt es mir gut, dass sie von der KUNST des Loslassens sprechen, denn es ist tatsächlich Teil der LebensKunst, wenn wir es lernen, GUT loszulassen - also GUT für uns zu sorgen. Abschied nehmen steht im Laufe des Lebens immer wieder an. Und wenn wir es lernen, es als LebensKUNST zu begreifen, uns auf diese Abschiede vorzubereiten, dann tun wir uns und unseren Liebsten einen Bärendienst damit. 

Zweitens gefällt mir auch ihr Wortspiel sehr gut. Wenn wir diesen Titel lesen, denken wir unweigerlich an Hermann Hesses allseits bekanntes Gedicht „Stufen“. Aber die Zeile in seinem Gedicht heißt so: „Jedem ANFANG wohnt ein Zauber inne“ - und nicht „Jedem ABSCHIED wohnt ein Zauber inne“. Mit diesem kleinen Unterschied drücken der Altbischof und der Sozialethiker aus, wie nah Abschied und Anfang liegen. 

 

Stufen

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

II/1 Vorstellung des Buches JEDEM ABSCHIED WOHNT EIN ZAUBER INNE

 

Ich darf Sie - liebe Hörerfamilie von Radio Maria - wieder begrüßen in der Sendung der Lebenshilfe zum Thema LOSLASSEN als Kunst des Lebens in der 2. Lebenshälfte.

Im ersten Teil der Sendung haben wir festgestellt, dass Loslassen - gerade in der Ferien- und Sommerzeit - bedeuten kann, sich vom Alltag mal zu verabschieden und alle Verpflichtungen loszulassen.

Wir haben aber auch herausgestellt, dass Loslassen Abschieden nehmen heißt. Dies kann zu einem aufregenden interessanten Neuanfang führen in manchen Fällen. In vielen Fällen bedeutet es auch, sich verabschieden zu MÜSSEN. Da schwingt die Trauer mit, das Schwerfallen.

Wie versprochen gehe ich nun auf das Buch vom Salzburger Altbischof Kothgasser und von DDDr. Sedmark ein. 

Dieses Buch beleuchtet schon in seinem Titel die Nähe von Abschied, Anfang und Zauber: „Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne: Von der Kunst des Loslassens.“

 

Die beiden Autoren formulieren 9 Einladungen loszulassen, die ich Ihnen nun vorstellen möchte:

 

Dinge 

Orte und Zeiten

Gewohnheiten und Haltungen 

Pläne und Überzeugungen 

Verantwortung und Aufgaben 

Fähigkeiten und Gesundheit

Schuld und Verbitterung 

Geliebte Menschen 

Das eigene Leben 

 

Ich werde aus jedem Kapitel einen Gedanken vorstellen. Später interessieren uns dann ihre Erfahrungen - liebe Hörerinnen und Hörer!

 

Die 1. Einladung: Dinge loslassen

 

Die beiden Autoren stellen vor das LOSLASSEN das HALTEN.

„Wir können Dinge halten und loslassen“. Sie machen deutlich, wie wichtig uns Dinge von lieben Menschen oder aus vertrauten Orten sein können. Einige wirklich wichtige Dinge in unserem Leben sind zu Symbolen geworden. Sie weisen also auf eine Bedeutung hin, die wir dem Gegenstand an sich nicht ansehen können. Z.B. habe ich von meiner lieben verstorbenen Oma eine Kastanie aufbewahrt, die sie immer in ihrer Handtasche hatte. Andere würden diese Kastanie achtlos zurück in den Wald werfen, da sie für sie nur eine Baumfrucht ist. Ich aber hege sie, da sie in mir schöne Erinnerungen weckt. 

Es geht den beiden Autoren also nicht darum, dass wir Menschen gänzlich auf Dinge verzichten müssen. Es geht aber wohl um einen achtsamen Umgang mit unserem Konsum und damit, sich über die Bedeutung der Sachen, die wir besitzen, bewusst zu werden.

Nun zur nächsten Einladung:

 

Die 2. Einladung: Orte und Zeiten loslassen

 

„Zeiten und Orte geben uns Halt.“ So schreiben Kothgasser und Sedmark. Klar wir alle kennen es, wie gut es uns tun kann, wenn unser Alltag geprägt ist von festen Zeiten und Orten und wir RITUALE entwickelt haben. Die beiden Autoren betonen wie wichtig die gute Vorbereitung ist, wenn es darum geht, sich von geliebten Orten oder gewohnten Zeitabläufen verabschieden zu müssen. 

Sie führen eine Grundhaltung ein, die uns helfen kann, Abschiede leichter zu nehmen: die Dankbarkeit! und zitieren aus dem Psalm 103: „Vergiss nicht, was Gott Dir Gutes getan hat!“ 

Weiter schlagen die Autoren vor, sich mit Gewohnheiten und Haltungen zu beschäftigen: 

 

Die 3. Einladung: Gewohnheiten und Haltungen loslassen

 

Hier denken der Theologe Kothgasser und der Sozialethiker Sedmark daran, dass es wichtig ist, dass wir lebensFEINDLICHE Haltungen erkennen lernen und diese Haltungen durch GUTE Gewohnheiten verändern mit der Zeit. Als berühmtes Vorbild, das sich immer mühte, gute Gewohnheiten einzuüben, nennen Sie den Hl. Papst Johannes XXIII, der in seinem „geistlichen Tagebuch intensiv über das Loslassen von verderblichen Gewohnheiten nachgedacht“ habe. Sie schenken uns Einsicht in seine Gedanken und auch in seine ganz praktischen Bemühungen, Fehlhaltungen wahrzunehmen und dagegen zu steuern. Angelo Roncalli sieht sich dabei gar nicht als Helden! Im Gegenteil: sehr sympathisch wird deutlich gemacht, wie schwierig es uns Menschen fällt - auch dem Hl. Vater! - sich zu ändern! 

Auch im folgenden Kapitel menschelt es sehr.

 

Die 4. Einladung: Pläne und Überzeugungen loslassen

 

Die beiden Autoren zitieren den starken Liedtext des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“! Dieser Text zeuge davon, wie Bonhoeffer angesichts seiner nahenden Hinrichtung durch die Nazis Pläne, Wünsche, Sehnsüchte und Träume hat fallen lassen müssen. Es war ihm nicht mehr vergönnt, seine Verlobte zu heiraten noch seine betagten Eltern wieder zu sehen. Bonhoeffer beschreibt in seinen Zeilen seine ganze Hingabe in den für uns Menschen einfach nicht nachvollziehbaren Lauf des Lebens. Er schenkt uns und allen Menschen mit seinem wunderbaren Text Hoffnung, dass am Ende des Weges, den wir eigentlich nicht gehen wollen, Gott uns in seine Arme schließt.

 

II/2 Vorstellung des Buches JEDEM ABSCHIED WOHNT EIN ZAUBER INNE

 

Ich führe nun die Vorstellung des Buches „JEDEM ABSCHIED WOHNT EIN ZAUBER INNE“ von Kothgasser und Sedmark mit ihren 9 Einladungen, loszulassen, fort. 

 

Dinge 

Orte und Zeiten

Gewohnheiten und Haltungen 

Pläne und Überzeugungen 

Nun gehen wir über zur 

 

5. Einladung: Verantwortung und Aufgaben loslassen

 

Natürlich geben uns Verantwortungen Halt und unserem Leben Struktur und Bedeutung. Die beiden Autoren machen uns sehr nachhaltig deutlich, dass wir in unserer jetzigen Zeit regelrecht eine „Statusangst“ bemerken können. Also die Angst, unsere Position zu verlieren, die wir in der Gesellschaft innehaben. In der 2. Lebenshälfte können wir gerade von diesem Verlust betroffen sein, wenn wir in den Ruhestand gehen oder wenn uns - durch Krankheiten - Zuständigkeiten entzogen werden. Die beiden Autoren ziehen das Modell der Lebensstadien  heran, das der amerikanische Psychologe Erik Erikson entwickelt hat: Demnach ist das Leben in 9 Stadien eingeteilt und jedes Stadium ist geprägt durch bestimmte Lebensaufgaben. Für das Stadium der Erwachsenen (ab ca. 40 Jahre bis zur Pension) sieht Erikson als eine wichtige Aufgabe an, mit Verlusten flexibel umgehen zu lernen. 

Im Alter (ab der Pension bis ca. 90 Jahre) steht die Integration im Vordergrund  - also Ja sagen zu lernen, zu dem was im Leben war. Kothgasser und Sedmark schreiben, dass „Tätige Verantwortung“ nun abgegeben werden muss und ein Schwerpunkt gelegt wird auf innere und immaterielle Werte. 

Zur Vollständigkeit sei hier noch das von Erikson in einer neueren Variante seines Modells hinzugefügte Stadium des HOHEN Alters. Die Aufgabe hier besteht in der Aufarbeitung des Lebens. 

Weiter laden uns die Autoren ein, sich Gedanken darüber zu machen, wenn wir unsere Fähigkeiten oder sogar die Gesundheit verlieren. 

 

Die 6. Einladung: Fähigkeiten und Gesundheit loslassen

 

Papst Johannes Paul II wird in diesem Kapitel zitiert. In einer Botschaft 2004 - als er selbst schon sichtlich von Krankheit gezeichnet ist - prangert er die „leistungsbedingte Diskriminierung“ an, die genauso verwerflich ist, wie die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht oder Religion. 

Leistungsbedingte Diskriminierung! Gerade in unserer Gesellschaft, die so auf Leistung und Jugend setzt, sehen sich viele älter werdende Menschen mit dieser Diskriminierung konfrontiert. Es kann sogar so weit gehen, dass sie Ihr DASEIN als sinnlos ansehen, da sie sich augenscheinlich ja nicht mehr aktiv an der Gesellschaft beteiligen und TÄTIG sind. Hier entwickeln die christlichen Kirchen das deutliche Gegenbild einer Gesellschaft, in der auch kranke, alte und behinderte Menschen Personen sind, die vollkommen sind und mit den gleichen heiligen und unantastbaren Rechten ausgestattet sind.

Als weiteres Kapitel beschreiben die Autoren folgendes: 

 

Die 7. Einladung: Schuld und Verbitterung loslassen

 

Kothgasser und Sedmark zitieren den amerikanischen Theologen Robert Schreiter: Verzeihen, das ist nur mit Gottes Hilfe möglich. Verzeihen übersteigt das Maß dessen, was einem Menschen möglich ist.

Sie schreiben weiter: Wir kennen aber auch die Belastung, wenn man etwas einem anderen Menschen nachträgt. 

Unsere europäische Gesellschaft ist noch immer von den Folgen des II. Weltkrieges gezeichnet. Hinzugekommen sind weltweit viele viele weitere kriegerische Konflikte, die unendliches Leid den Menschen zugeführt haben und weiterhin zuführen.

Es ist für das Gesamt der Menschen und für jeden Einzelnen unabdingbar, Verzeihen zu lernen. Nur durch Üben im Verzeihen können auch persönliche Krisen - wie Trennung, Krankheit etc. - überwunden werden ohne Verbitterung.

Was für den Anderen gilt, gilt auch für uns selbst: uns selbst verzeihen lernen und über verpasste Chancen nicht verbittern. 

„Das Loslassen von Schuld braucht Kraft, die uns Gott geben kann; eine besondere Gnade liegt im Bußsakrament, das uns losbinden kann von den Fesseln unserer Schuld.“

Richtig schwer kann uns die folgende Einladung fallen:

 

Die 8. Einladung: Geliebte Menschen loslassen

 

„Zu den schwersten Aufgaben im Leben eines Menschen gehört es wohl, Menschen loszulassen - wenn eine Freundschaft oder Partnerschaft zerbricht, wenn ein Angehöriger dement wird, wenn ein geliebter Mensch stirbt, aber auch wenn die Kinder erwachsen werden und das Elternhaus verlassen oder auch wenn ein Betrieb einen Mitarbeiter gehen lassen muss.“

Der emeritierte Erzbischof und der Sozialethiker zitieren u.a. aus dem Werk des österreichischen Autors Arno Geiger, in welchem er von der Demenzkrankheit seines Vaters schreibt. Der Sohn Arno Geiger muss von seinem Vater Abschied nehmen, so wie er ihn kannte. Der Vater Arno Geiger muss sich geschlagen geben, weil die Spuren des Alters nicht mehr zu kaschieren sind. Die Krankheit ist unumkehrbar, der Verfall schreitet voran. 

Unvorstellbar tragisch ist es auch, wenn Eltern ihre Kinder verlieren durch Unfall oder Krankheit. Auf die Frage „Warum“ gibt es nur eine Wunde, die bleibt, aber keine Antwort. „Die Wunde des Nichtwissens“. So beschreibt es ein Pfarrer, der die Familie Schophaus begleitete, als ihr 4 jähriger Sohn an Krebs starb. Er schreibt weiter, dass „die Krankensalbung [……] ein Zeichen dafür […] ist, daß Christus uns auch im Leid nicht alleine läßt, sie ist Stärkung des Glaubens und eine Segnung des Lebens.“

Als „tröstliche Wahrheit“ führen Kothgasser und Sedmark „die Verbundenheit  [an] mit unseren lieben Verstorbenen durch die Liebe […], die auch über den Tod hinaus trägt.“ Hieraus ergeben sich viele Fragen zur Begleitung Sterbender und in der Begräbniskultur sowie über den Umgang mit ihrem Vermächtnis. 

„Das Gebet ist eine lebendige Brücke zu den Heimgegangenen, die über Gott zu den Verstorbenen und auch zu uns führt.“

Und schließlich:

 

Die 9. und letzte Einladung: Das eigene Leben loslassen

 

„Das eigene Leben loszulassen. Für jeden Menschen kommt die Stunde; es ist der letzte Weg in diesem Leben, der Weg über die Schwelle, die dieses Leben von jenem Leben, auf das wir hoffen, trennt. Der Tod ist für uns Menschen vermutlich das Einzige, das uns alle gleich betrifft und letztlich todsicher ist. Aber ist der Tod das Ende? Ist der Tod wirklich der Tod von allem? Ist das Leben auf dieser Erde das ganze Leben“? So fragen die beiden Autoren. 

Und weiter: „Das Loslassen vom eigenen Leben kann […] mit einer Grundhaltung der Offenheit leichter fallen. Wir dürfen uns schon eine gewisse Neugierde und Spannung eingestehen 

- wie wird es sein, Gott von Angesicht zu  Angesicht zu begegnen? Was wird mit unserer Leiblichkeit geschehen? Was wird uns Gott über das Leiden in der Welt offenbaren, das wir so schwer verstehen? Werden wir auch erkennen, wie Gott selbst mit diesem Leiden zurechtkommt? Was wird mit dieser wunderbaren Schöpfung geschehen, und der Welt, wie wir sie kennen?

Wir leben aus dem Glauben an das Leben, auch an jenes, das kein Ende kennt.“

Als „großer Lehrer des Loslassens“ steht uns Jesus Christus vor. „In besonderer Weise tritt uns Jesus als Meister des Loslassens und Abschiednehmens in den Abschiedsreden im Johannesevangelium entgegen.“ Hier erzählt er seinen Jüngern „von dem, was bleibt“, auch wenn sich alles ändern wird; von dem „Aufbruch zu Neuem“ und von der „Bedeutung der inneren Verbindung, die auch über den sichtbaren Tod hinaus geht“. Und er schenkt die „Verheißung der Wiedervereinigung“.

Und schließlich halten sie fest: „Das Loslassen vom eigenen Leben wird leichter, wenn wir in Frieden sind; wenn wir uns vom Heiligen Geist führen lassen.“

Bevor Sie nun liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Maria mit uns über Ihre Gedanken zu Abschiednehmen und Loslassen sprechen, bitte ich noch um eine kleine Musikpause.

 

III Einladung an die Hörerfamilie, Ihre Erfahrungen im Loslassen mit uns zu teilen: 

 

Dazu stelle ich an Sie und an mich erstmal folgende Fragen: 

was, wen und wie könnte ich loslassen?

Ich fasse nochmals kurz die Kapitelüberschriften des Werkes zusammen und stelle jeweils persönliche Gedanken und Fragen zur Auswahl. Sie können gerne zwischendurch jederzeit anrufen und sich an dem Gedankenaustausch beteiligen:

 

Dinge loslassen:

Welche 3 Dinge fallen mir spontan ein, die mir sogar gut tun würden, wenn ich sie weggeben würde?

Tatsächlich quellen unsere Keller über.

Wie wollen wir unseren nachfolgenden Generationen unsere Wohnungen überlassen? Auch wir selbst können uns jetzt schon gut vorbereiten auf einen möglichen Umzug in eine kleinere Seniorenwohnung oder -heim. Üben wir Dankbarkeit für Dinge, an denen wir hängen. Von anderen können wir uns vielleicht JETZT schon befreien.

 

Orte und Zeiten loslassen:

Wann habe ich mich richtig wohl gefühlt? Wo habe ich gerne gelebt?

Manche Zeiten und Orte sind „unwiederbringlich verloren“. Wir können sie in der Erinnerung wieder beleben, indem wir uns z.B. mit Gleichaltrigen über „anno dazumal“ austauschen. Wir können unsere (Enkel-)Kinder bitten, noch einmal gemeinsam an diesen Ort zu fahren. Dann heißt es, bewusst und gerne Abschied zu nehmen, um das JETZIGE Leben noch voller genießen zu können. 

 

Gewohnheiten und Haltungen loslassen:

Welche Regeln habe ich mir im Alltag angewöhnt? Haben sie noch den gleichen Nutzen wie früher oder sind manche davon eher hinderlich geworden und betrüben mich?

Kleine Rituale regeln unseren Tagesablauf. Haltungen haben wir uns angewöhnt, um uns in der Welt zurecht zu finden. Daran ist nichts Schlechtes. Mit zunehmendem Alter sind einige Gewohnheiten jedoch nicht mehr aufrechtzuerhalten aufgrund unserer körperlich-geistigen Verfassung. Aber wir können neue angemessene Rituale entwickeln.

 

Pläne und Überzeugungen loslassen:

Welche Pläne schmiede ich und welche sind „noch“ realistisch?

Gesteckte Ziele erreichen zu wollen, hält lebendig. Sind Pläne jedoch nicht mehr einzuhalten, ist das frustrierend und verkrampft. Welche Vorhaben scheinen mir erstrebenswert und machbar? 

 

Verantwortung und Aufgaben loslassen:

Um welche Tätigkeiten tut es mir Leid und um welche bin ich froh, dass ich sie nicht mehr ausüben muss?

Vielleicht erfüllen mich heutzutage andere Aufgaben als damals? Wir können Verantwortung auch außerhalb der Arbeitswelt definieren, z.B. Großeltern, die ihre Enkel betreuen oder ehrenamtliche KrankenhausseelsorgerInnen.

Fähigkeiten und Gesundheit loslassen: Mein Körper lässt nach, doch was kann ich noch immer gut?

Gesundheit sehen wir als größtes Geschenk Gottes an. Lässt sie nach, können wir Gott um seinen Beistand bitten, um mit dem zufrieden zu sein, was ich immer noch gut kann.

 

Schuld und Verbitterung loslassen:

Worüber komme ich nicht hinweg?

Gott - der barmherzige Vater - vergibt uns unsere Schuld oft eher als wir selbst es tun. Wir dürfen auf seine Güte vertrauen. In der 2. Lebenshälfte können wir vieles nicht mehr rückgängig machen, aber wir können andere um Vergebung bitten und uns selbst verzeihen. Fangen wir gleich heute an.

 

Geliebte Menschen loslassen:

Welchen Abschied habe ich schmerzlich in Erinnerung?

Trauer braucht Zeit und Raum. Wie kann ich lernen, das Leid loszulassen und mich der geliebten Menschen dankbar und Heil bringend zu erinnern?

 

Das eigene Leben loslassen:

Wie gehe ich mit meinem Sterben und Tod um? Von wem und was möchte ich mich noch verabschieden?

Nehmen wir uns diese Zeit und bereiten uns gut auf unsere Sterbestunde vor. Danken wir jetzt schon geliebten Menschen - und danken wir täglich Gott für unser reiches Leben und bitten Ihn um seinen Segen!

 

IV Schlusswort

 

Ich möchte uns dazu ermutigen, unsere tagtäglichen „LoslassungsKünste“ zu erkennen und uns dafür loben zu lernen! Denn dann entwickeln wir mehr Mut und vielleicht sogar Freude am Loslassen.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Mag. Kerstin Frei aus dem Burgenland und freut sich auf ein Wiederhören!

Gottes Segen auf Ihrem weiteren Lebensweg!

 

Ich freue mich, wenn Sie diese Gedanken angeregt haben und Sie mich zitieren mit LebensKunst ab der LebensMitte www.kerstin-frei.eu

Kommentar schreiben

Kommentare: 0